1910 wurde der erste Kibbuz gegründet, Deganya am See Genezareth. Bis zum 100. Geburtstag mussten sich die Genossenschaftsdörfer von egalitären und sozialistischen Ideen verabschieden, um überleben zu können. Seither erlebt die Bewegung eine Renaissance, hat Tausende neue Mitglieder gewonnen.
Der Kibbuz Deganya liegt am südlichen Ufer des Sees Genezareth, nur ein paar Straßen von der populären Jordan-Taufstelle entfernt. „Em Haqevutsot“ nennt man Deganya, die „Mutter aller Genossenschaftsdörfer“. Das Areal ist so riesig wie ein Industriepark. Etwa 270 Kibbuzim gibt es landesweit, Deganya war der erste. „Im Kibbuz wird jeder respektiert und jeder ist hier versorgt“, sagt Bürgermeister Shai Shoshany, „egal, ob er arbeiten kann oder nicht.“ Sein Optimismus ist neu. Denn die gesamte Kibbuzbewegung schien noch vor wenigen Jahren ein Auslaufmodell zu sein, ein Relikt aus den Pioniertagen Palästinas und Israels, inkompatibel mit dem Hightech-Zeitalter.
Für eine effektive Felderwirtschaft hatten sich die Gründer der Kibbuz-Bewegung zusammengeschlossen. In Deganya begann es 1910 mit ein paar Holzhäusern und Lehmhütten. Man lebte gemeinsam, man arbeitete gemeinsam. Keiner bekam ein Gehalt, für alles war gesorgt. Wohnen, Verpflegung, medizinische Versorgung, auch Fuhrpark, Kinderbetreuung, Schulen, Studium der Kinder. Alle paar Jahre finanzierte die Gemeinschaftskasse – wenn sie es hergab – den Mitgliedern eine individuelle Reise. Über die endgültige Neuaufnahme von Mitgliedern entschied nach einer bis zu zweijährigen Probezeit die Gemeinschaft. Doch oft gingen die Regeln des Zusammenlebens über die Zweck- und Arbeitsgemeinschaft noch weit hinaus. Etliche Kibbuzim verlangten, dass Kinder getrennt von den Eltern lebten und aufgezogen wurden. Die Gemeinschaft bestimmte sogar über die Namen von Neugeborenen.
Diese sozialistische Ausprägung hatte ihre Wurzeln im Zionismus des 19. Jahrhunderts. Max Nordau (1849–1923), Politiker und Wegbegleiter Theodor Herzls sowie Mitbegründer der zionistischen Bewegung, hatte den Begriff des „Muskeljuden“ geprägt, den sozialistisch-zionistische Organisationen aufnahmen und in ihre Idee vom kollektiv geführten Landwirtschaftsbetrieb integrierten. Zur Vorbereitung von Palästina- Auswanderern gab es in Europa sogar Trainingskibbuzim.
So verstand sich der Kibbuz im jungen Staate Israel als elitär-egalitäre Institution des nationalen Aufbaus, glorifiziert in großen Abkömmlingen wie Golda Meir (1969–1974 Ministerpräsidentin), Teddy Kollek (1965–1993 Bürgermeister von Jerusalem) und Shimon Peres (1995/96 Ministerpräsident). Das System funktionierte, solange die Erträge gesichert waren. Doch zum einen sanken in globalisierten Weltmärkten die Gewinnspannen für Obst und Gemüse. Der früher für Israel so wichtige Agrarsektor, eine Domäne der Kibbuzim, verlor an Bedeutung; die Gewinnmargen schmolzen dahin.
Zum anderen waren immer weniger junge Menschen dazu bereit, den eigenen Individualismus einem Kollektiv unterzuordnen und in Zeiten von Internet und Networking abgeschottet auf einem Planeten namens Kibbuz zu leben. Der Kibbuznachwuchs, der sich von den einigenden Banden der Gemeinschaft geknebelt fühlte, zog weg. Die Landflucht der Kibbuzjugend war dramatisch, ebenso die Überalterung in den Kibbuzim.
Etliche Kibbuzim verordneten sich – und den andern zum Vorbild – in den vergangenen Jahren eine radikale Neuerung: Privatisierung, Eigeninitiative, nachfrageorientierte Angebote, Öffnung, leistungsorientierte Bezahlung. Zuletzt sind nach Angaben der Israelischen Kibbuzbewegung knapp 3000 Israelis Mitglieder in einem Kibbuz geworden, viele davon junge, gut ausgebildete Familien. Und das Angebot geht mit der Zeit: Es reicht von Wellness-Kuren bis hin zu Jeep-Touren. Einige bieten erstklassige Theaterwerkstätten und Meisterkurse für Musik an, andere haben sich als internationale Begegnungsstätten und Kongressorte etabliert oder produzieren Kosmetika. Aus Betrieben, die dem Verfall näherkamen, wurden moderne Unternehmen.
Mancher Kibuzz öffnet sich dem Tourismus, organisiert Exkursionen in Naturparks oder hat Spa Angebote im Programm.
Aufenthalte im Kibbuz
Informationen über: Kibbutz Hotels Chain, Tel. 03 5 24 61 61, www.kibbutz.co.il
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