Unzählige Male wurde der südfranzösischen Küste der endgültige Untergang prophezeit – und nie ist er eingetreten. Trotz Tourismus und teilweise wilder Bebauung: Es ist noch immer großartig, in den Bambushütten an den Plages de Pampelonne bei St. Tropez schon im Mai gegrillte Sardinen zu essen, vom Esterelmassiv über rote Felsen auf das tiefblaue Meer zu schauen oder auf dem Blumenmarkt von Nizza einzukaufen.
Die Côte d’Azur hat wunderschöne Altstädte mit ockerfarbenen Fassaden und herausgeputzten Yachthäfen, Milchstraßen von Michelin-Sternen, Lavendelfelder, Olivenhaine, Weinberge und beschauliche kleine Dörfer im Hinterland. Es gibt einsamere Urlaubsgebiete auf dieser Welt, aber auch sehr viel langweiligere.
An der Côte d’Azur kann man wandern, Aktiv- und Strandurlaube verbringen, jeden Tag ein neues Museum entdecken oder eine Woche in Gourmetrestaurants verbringen. Seit jeher gilt die Küste als Refugium der Reichen: auf der Halbinsel von St. Tropez haben die beiden vermögendsten Männer Frankreichs ihren Zweitwohnsitz. Und noch immer klettern die Immobilien hier auf Rekordniveau, am Cap Ferrat wurde vor kurzem ein Haus mit 19 Schlafzimmern für 390 Millionen verkauft.
An wenigen Orten der Welt liegen so viele bedeutende Sammlungen moderner Kunst so dicht beieinander. Pablo Picasso, Henri Matisse, Jean Cocteau, Fernand Léger und Yves Klein haben an der Côte d’Azur gelebt. Und viele ihrer Werke sind heute in umgebauten Villen, Schlössern oder alten Fischerkapellen zu sehen, teilweise sogar genau dort, wo sie entstanden sind wie im Picasso-Museum von Antibes. In dem einstigen Grimaldi-Schloss wohnte und arbeitete der Künstler nach dem Zweiten Weltkrieg monatelang. Sein damaliges Atelier mit Blick auf das Meer ist heute Teil der Ausstellung. In Nizza gibt es ein großes Matisse-Museum, in Menton eine umfangreiche Sammlung der Arbeiten von Jean Cocteau. Und in St. Paul de Vence, dem Künstlerdorf auf dem Hügel im Hinterland von Nizza, hat nicht nur eine der größten privaten Kunstsammlungen Frankreichs, die berühmte Fondation Maeght, ihren Sitz. Hier befindet sich auch das Colombe d’Or, legendäres Hotel und Restaurant gleich am Eingang des alten Dorfes, in dessen holzgetäfeltem Speisesaal man unter echten Braques, Bonnards, Chagalls und Picassos sitzt und südfranzösische Vorspeisen ißt.
Weiter westlich, Richtung St. Tropez und Cassis, wird die Küste grüner und ist weniger eng bebaut: Auf der gesamten Halbinsel von St. Tropez fährt man durch Weingebiet, ein schmaler Wanderweg, der ‚Sentier Littoral’, führt hier an der Küste entlang, mit grandiosen Ausblicken auf das Meer, durch Pinienhaine und an idyllischen Buchten mit glasklarem Wasser vorbei. Wenige Kilometer weiter, in Le Rayol-Canadel liegt einer der schönsten Gärten der Côte d’Azur, die Domaine du Rayol. Angelegt wurde der mehrere Hektar große park 1910 von einem Pariser Banker, der dafür eigens exotische Pflanzen aus Chile, Australien und Südafrika nach Frankreich bringen ließ.
Im kleinen Hafenort Cassis nahe Marseille fahren regelmäßig Boote in die ‚Calanques de Cassis’, unberührte Felsbuchten mit flachen Terrassen aus Kalksandstein, in denen man herrlich sonnen und baden kann. Und auf der Insel Porquerolles gegenüber von Hyères sind Autos vollkommen verboten, nur die wenigen Inselbewohner dürfen welche haben. Alle anderen fahren mit Leihfahrrädern durch ein staatlich geschütztes Paradies, das wie durch ein Wunder von Immobilienspekulation und Massentourismus weitgehend verschont blieb. Seit Jahrzehnten steht die pinienbestandene Insel nun schon unter Naturschutz. Die Strände sind hier karibisch, mit fast weißem Sand und türkisblauen Wasser. Am schönsten ist die sanft geschwungene Plage Notre Dame im Osten der Insel.
Jedes Jahr im Mai (jeweils vom 16.-18.5.) offenbart der Jet-Set-Treff St. Tropez eine ganz andere, unbekannte Seite. Mit viel Ernst begehen die Tropezianer dann die Bravade, ein religiöses Fest zu Ehren ihres Lokalheiligen Torpes. Drei Tage lang ziehen sie durch die engen Straßen des Ortes, in blau-weiß-roten Uniformen und schwer bewaffnet. An mehreren Nachmittagen jagen die Bravadeure, allesamt Mitglieder des noch immer existierenden Stadtcorps, über 500 kg Schießpulver in die Luft und legen den Ort in hellen Pulverrauch. Ein beeindruckendes Schauspiel, inklusive der mehrstündigen Prozession, bei der die Büste des Heiligen Torpes durch das einstige Fischerdorf getragen wird.
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