Fußball ist in Südafrika traditionell der Sport der schwarzen Bevölkerung. Doch durch die Fußballweltmeisterschaft hat ein Wandel eingesetzt: Fußball wird mehr und mehr zu einem Mittel der Verständigung zwischen den Rassen.
Die Menge tobt, wenn Matthew Booth auf den Platz läuft. Booth ist Fußballer, und zwar der einzige weiße Spieler der südafrikanischen Nationalmannschaft. Deren Fans wiederum sind mehrheitlich schwarz. Da ist es schon etwas Besonderes, dass Booth Held der Massen ist. Die meisten weißen Südafrikaner spielen Rugby oder Cricket. Die Apartheidpolitik hat über Jahrzehnte Grenzen zwischen Schwarz und Weiß gezogen. Mannschaften, in denen Schwarze und Weiße zusammenspielten, gab es nicht. Die Schranken sind auch heute, mehr als 15 Jahre nach dem Ende des Unrechtssystems, noch nicht aufgehoben. Die Trennung wird zwar nicht mehr von der Regierung verordnet, findet aber immer noch in den Köpfe der Menschen statt. Durch Fußball beginnt sich dies nun in Ansätzen zu verändern. Weiße Sportfans entdecken den Fußball und damit die Spieler der Fußballnationalmannschaft als Lieblinge auch für sich. Und gemeinsam sind Schwarze und Weiße stolz darauf, dass ihr Land 2010 die Fußballweltmeisterschaft ausrichtet. Stolz und Zuversicht wuchsen noch, als es im Sommer 2009 beim Confederations Cup, dem Probelauf zur WM, keine größeren Pannen gab. Kritiker hatten unter anderem Probleme mit der Logistik und Sicherheit vorausgesagt. Ein Turnier, das im Chaos verlaufen würde, hatte man befürchtet. Doch nichts dergleichen war der Fall. Trotzdem kann der Fußball keine heile Welt zaubern. Die Probleme Südafrikas sind gleichzeitig die Probleme des südafrikanischen Fußballs. Die weltweit höchste Kriminalitätsrate wird auch über die Weltmeisterschaft hinaus relevant bleiben. Strenge Kontrollen und erhöhte Polizeipräsenz sollen während der Fußball-WM den Besuch der Stadien sicherer machen. Das Eröffnungsspiel und das Finale finden im Soccer City Stadium in Johannesburg statt, das knapp 95 000 Zuschauer fasst. Architektonisch interessant sind vor allem das Mbombela-Stadium in Nelspruit, bei dem besonders auf die Einbeziehung „afrikanischer“ Elemente geachtet wurde. So erinnern die Sitze in Schwarz und Weiß an die Farben von Zebras, und die Dachstützen sind der Körperform von Giraffen nachempfunden. Im Moses Mabidha Stadium in Durban wird das Spielfeld von zwei großen Stahlbögen in 104 Meter Höhe überspannt. Für jedes Land ist die Organisation einer solch riesigen Sportveranstaltung wie der Fußballweltmeisterschaft ein Kraftakt. Insbesondere aber trifft das auf ein armes Land wie Südafrika zu. Es fehlt das Geld, und immer wieder geraten die Bauarbeiten in den Stadien ins Stocken. Doch selbst wenn nicht alle Stadien bis zur Eröffnung der Weltmeisterschaft bis ins kleinste Detail fertiggestellt sein sollten: Die Stimmung wird fantastisch sein. Jedes Fußballspiel in Südafrika ist eine eineinhalbstündige Dauerparty. Die Begeisterung ist aber nicht nur eine Mentalitätsfrage. Für viele Fans sind die 90 Minuten im Stadion eine Flucht aus der Armut und ein Ausflug in eine bessere Welt, in der auch Underdogs gewinnen können.
Schon als sich die südafrikanische Nationalmannschaft beim Confederations Cup im Sommer 2009 überraschend den vierten Platz sicherte, herrschte ausgelassene Partystimmung. Mit Vuvuzelas – langen Trötröhren aus Plastik oder Blech – bewaffnet sorgten die Fans für ohrenbetäubenden Lärm. Das Wort Vuvuzela ist ein Wort aus der Zulusprache und bedeutet übersetzt etwa „in Musik duschen“. Manche europäische Spieler und Trainer konnten offenbar keine Musik hinter dem Getröte erkennen, ihnen war der Lärmpegel schlichtweg zu hoch. Sie forderten deswegen im Hinblick auf die Weltmeisterschaft ein Verbot der Vuvuzelas. Südafrikas Fußballfans waren entsetzt. Mangelnden Respekt vor afrikanischen Fußballtraditionen warfen sie den Europäern vor. Und sogar der Vorwurf des Rassismus kam in Spiel. Die Forderung nach dem Verbot der Vuvuzelas sei ein Zeichen, dass sich die Weißen als Herren über die Schwarzen aufspielen wollten. Die FIFA sprach ein Machtwort: Selbstverständlich seien die Vuvuzelas erlaubt, hieß es vom internationalen Fußballverband, und jeder könne so viel Lärm machen, wie er wolle. Das ist gut für Matthew Booth. Denn so kann er sicher sein, dass das Stadion auch während der WM 2010 toben wird, wenn er das Feld betritt.
Fußballweltmeisterschaft 2010: http://de.fifa.com/worldcup
Südafrikanischer Fußballverband: www.safagoal.net
Die Orlando Pirates, zweifache südafrikanische Fußballmeister, spielen im Stadion Ellis Park/Johannesburg: www.orlandopiratesfc.com
Die Kaizer Chiefs, zweifache südafrikanische Fußballmeister aus Soweto, sind eines der populärsten Teams im Land: www.kaizerchiefs.com
Die Mamelodi Sundowns, südafrikanische Rekordmeister mit fünf Titelgewinnen, sind in der Hauptstadt Pretoria beheimatet: www.sundownsfc.com
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