Für die leuchtenden Kreidefelsen der Halbinsel Jasmund ist Rügen berühmt. Im Kreidemuseum Gummanz wird in einem ehemaligen Tagebau die Verarbeitung des urzeitlichen Stoffes demonstriert, der noch heute vielseitige Verwendung findet, auch im Wellness-Bereich.
Rügengäste kennen die Ansicht von unzähligen Fotos und Gemälden, angefangen bei Caspar David Friedrichs „Kreidefelsen auf Rügen“. Bei Schiffsrundfahrten erleben sie, wie sich die weißen Felsen mit ihrer grünen Buchenkrone vom Horizont abheben. Beim Wandern auf dem Hochuferweg von Sassnitz über den Königsstuhl bis nach Lohme haben sie die Kreide unter den Füßen. In der Ausstellung im Nationalparkzentrum wird die Entstehung dieser einzigartigen Landschaft multimedial in Szene gesetzt: Vor etwa sechzig bis siebzig Millionen Jahren sanken die Sedimente kleinster Lebewesen wie Muscheln, Seeigel oder Schalentiere auf den Meeresboden ab. Durch ihre Verfestigung entstand im Lauf der Zeit Kreidekalk: fast reines Calciumkarbonat, feinkörnig und weich. Bei sinkendem Meeresspiegel wurde diese Schicht später angehoben, von eiszeitlichen Gletschern verformt und freigelegt.
Früher verband man mit der Kreide vor allem wirtschaftliche Interessen. 1845 ging in Sassnitz die erste Kreideschlämmerei in Betrieb, fünfzig Jahre später gab es mehr als zwanzig Produktionsstätten, meist kleine Familienbetriebe. Einer von ihnen ist heute im Kreidemuseum Gummanz zu besichtigen. Anhand historischer Filmaufnahmen lässt sich in den alten Backsteinmauern nachempfinden, wie anstrengend und zeitaufwendig die Kreidegewinnung einst war: Mit Hacken schlugen Arbeiter die Kreide aus der Wand, schoben sie in Loren zum Rührwerk und schlämmten sie mit Wasser auf, um sie von Fremdstoffen wie Feuersteinen zu trennen. Dann trocknete die Kreide mehrere Wochen, um schließlich in Fässern zu den Abnehmern zu gelangen. Erst in den 1960er- Jahren wurde die Produktion im Schlämmkreidewerk Klementelvitz automatisiert. Die DDR stieg zu einem der führenden Kreideexporteure der Welt auf. Heute ist Klementelvitz der letzte von einst bis zu vierzig Herstellern. Das Werk zählt nun zu den modernsten in ganz Europa.
Wer bei Kreide an Schulkreide denkt, liegt heutzutage falsch, denn die wird inzwischen aus Gips hergestellt. Doch aus vielen anderen Bereichen ist die Rügener Kreide kaum wegzudenken: bei der Kabelherstellung, als natürlicher Dünger, in der Rauchgasentschwefelung oder als Füllstoff in Farben. Nach der Wende entdeckte man sie auch als Naturheilmittel wieder. Schon vor achtzig Jahren halfen Kreidepackungen bei Gelenkentzündungen und Hautkrankheiten. Sassnitz entwickelte sich Ende der 1930er-Jahre zum einzigen Kreideheilbad der Welt, das in den Sechzigerjahren jedoch einschlief. Erst nach der Wende besann man sich auf die alte Tradition. „Mit der Kreide haben wir ein Therapiemittel ohne Nebenwirkungen, das bei vielen Krankheitsbildern unterstützend eingesetzt werden kann“, sagt Dieter Hoffmann, Vorsitzender des Vereins Rügener Heilkreide. Zum Basisrepertoire gehören neben Bädern vor allem Packungen, die auf den Rücken oder den gesamten Körper aufgetragen werden. Dabei hat Hoffmann einen wichtigen Zusatzfaktor für den Heilerfolg ausgemacht: Rügen! „Die reine Kreideanwendung bringt 90 Prozent des Ergebnisses. Die Insel, der Urlaub, das Meer steuern die fehlenden zehn Prozent bei.“
Kreidemuseum
Das Kreidemuseum Gummanz bei Sagard ist Nov.–Ostern, Di.–So. 10.00–16.00, sonst tgl. 10.00–17.00 Uhr geöffnet. www.kreidemuseum.de
Heilkreide
Rügener Heilkreide und ihre Nebenprodukte wie Kreidebalsam, Körperemulsion oder Zahncreme sind überall auf der Insel in Souvenirshops und Hofläden erhältlich. Man kann sie aber auch online bestellen. www.arcus-kontor.de
Kreideanwendungen
Zahlreiche Hotels und Praxen bieten Anwendungen mit Kreide, in Binz etwa das artepuri hotel meerSinn, das IFA Rügen und das Travel Charme Kurhaus.
www.meersinn.de
www.ifa-ruegen-hotel.com
www.travelcharme.com/kurhaus-binz
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