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Prager Kaffeehauskultur
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Das zweite Wohnzimmer 

von Thomas Veszelits

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Quelle: DuMont Bildarchiv/ Martin Specht

Wien, Budapest oder Prag: Wer hat die schönsten Cafés, die prachtvollsten Räume voller Nostalgie, die Tische mit dem besten Ausblick und ein Publikum, das als Hauptdarsteller aufzutreten versteht?

Wer nach Prag reiste und das “Slávia” nicht besuchte, war gar nicht in Prag – wird
behauptet. Man muss dem Kenner Recht geben. Die magische Lage vor dem Nationaltheater, die großzügigen Räume, die kommoden Ledergarnituren, die edlen Marmortische an riesigen Fenstern mit Blick zur Karlsbrücke mit dem Hradschin ist einmalig. Der Architekt Le Corbusier empfand diese Perspektive wie ein “assyrisches Panorama”, der Dichter André Breton wünschte sich so ein Café in Paris. Dabei hält man Wien für die Hauptstadt der Kaffeehäuser und Prag für die größte Bierburg Europas. Die Rivalität eines Halben mit Schaumkrone gegen eine duftende Tasse ist ein altes Streitthema. Schon um 1900 boomte die Kaffeehauskultur in der Moldaumetropole. Durch die Cafés zog sich aber auch eine Trennungslinie: Wer wo verkehrte, war eine Frage der geistigen Haltung. Schriftsteller, Journalisten, Architekten, Künstler, Unternehmer, Politiker, – jede Gruppe hielt ihre Stammtische woanders. Es grenzten sich die tschechischen und die deutschen Prager voneinander ab, was den schwelenden nationalen Konflikt deutlich machte. Während sich die deutsch-jüdischen Intellektuellen und Literaten im “Arco”, “Continental” oder “Louvre” trafen, zog es die tschechischen Zeitgenossen ins “Union” (“Unionka”) oder in die “Kavárna Slávia” (“Slávka”). Der “rasende” Reporter Egon Erwin Kisch hielt sich im “Central” auf, einem der wenigen zweisprachigen Orte. Die reichen jüdischen Familien bevorzugten das “Savoy” – nicht in der jüdischen Stadt Josefov, sondern an der Grenze der Kleinseite zum aufstrebenden Industriestadtteil Smíchov, Prags vom Gründerstil geprägten 5. Bezirk.

DER ANFANG NACH DEM UNTERGANG

DuMont Bildarchiv/ Martin Specht In den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts gab es in Prag mehr als 150 Cafés. Nicht mal die deutsche NS-Besatzung traute sich, einen dieser freigeistigen Horte zu schließen, um die Prager nicht vollends gegen sich aufzubringen. Erst die kommunistischen Machthaber machten 1949 radikal Schluss mit dieser Tradition und “Arco”, “Central”, “Continental”, “Imperial”, “Louvre”, “Savarin” der Reihe nach dicht. Das “Union” wurde als “Symbol der Bourgeoisie” sogar abgerissen. Nur wenige Cafés überlebten, darunter das “Slávia”, und stiegen dadurch in der realsozialistischen Epoche fast zu nationalen Heiligtümern auf. Seit der Wende bemüht man sich, die ruhmreiche Tradition wieder herzustellen. Als erstes öffnete 1990 das “Louvre” seine Pforten als Symbol für den Aufbruch in die neue Zeit. Daher genießt dieser Ort unter den Pragern eine besondere Stellung und siegt in Zeitungsumfragen wiederholt als das beliebteste Café der Stadt. An die Tradition knüpft auch das “Imperial” an. 2007 kunstvoll renoviert, die glänzenden Mosaikwände strahlend, die Originalmöblierung dem Art déco detailgetreu nachempfunden. Renoviert leuchtet auch das kubistische “Grand Café Orient” im denkmalgeschützten Haus zur Schwarzen Mutter Gottes. Oben im ersten Stock mit Balkon fühlt man sich wie im legendären Orient Express. Die weißgrünen Streifen auf den Polstern setzen sich an den Vorhängen fort. Die Teller passen zu den Leuchtern, die Aschenbecher (in Prag darf noch geraucht werden) zu den Kristallspiegeln, das Besteck zu den Kleiderhaken.

NOSTALGIE IST TRUMPF

Das einzigartige Jugendstilinterieur im “Grand Hotel Evropa” diente als Kulisse im Film “Mission Impossible” mit Tom Cruise. Das Ambiente zeigt allerdings erst zu später Stunde, wenn die Touristenströme abebben, seinen ganzen Charme. Dann bleibt für Romantiker die Zeit für eine Weile stehen. Die schönste Kassettendecke, wie im Nationaltheater goldverziert und ornamentiert, glänzt im “Savoy”. Um die hiesigen Croissants wird man sogar von Parisern beneidet. Die böhmische Küche erlebt eine Light-Version. Prager Würstchen oder Pilsener Gulasch, auch die federleichten Obstknödel gelten als die besten der Stadt. Doch nicht alles ist Gold, was glänzt. Ausgerechnet im Café des Repräsentationshauses, der “Kavárna Obecní dům”, einer Hochburg der Sezession, büßte das prachtvolle Jugendstildekor durch Überrenovierung viel Charme ein. Und leider musste auch die traditionelle “Malostranská kavárna” – das “Café Radetzky” monarchischer Zeiten – einem Starbucks-Laden weichen, mit Plastikbechern statt literarischem Flair.

Dafür geben sich an den kargen Tischen im “Café U Franze Kafky” in der jüdischen Stadt junge Amerikaner entzückt dem Weltschmerz hin, ohne zu ahnen, dass Kafka hier niemals verkehrte. Der Dichter der Beklemmung und Alpträume zählte zu den Stamm gästen des “Arco”. Dort stand die Wiege der Prager deutschsprachigen Literatur. In den 1990er-Jahren renoviert, ist das “Arco” leider schon wieder geschlossen. Wie von einem bösen Zauberer verwunschen, verstaubt es im Dornröschenschlaf. “Die Kaffeehausbesucher sind heute lebensklüger, anspruchsvoller und viele auch reicher als früher,” so Sylvio Spohr, Eigentümer des “Louvre”. Für diese Klientel öffnen sich neue Adressen auf Prags wieder aufgemöbelter Luxusmeile. Die hieß schon immer Pařížská, markierte die Grenze zwischen Altstadt und Getto. Beschattet von Platanen, gesäumt von Edelboutiquen duften hier Kaffeemarken, für die George Clooney wirbt. Dies hat mit der ursprünglichen Kaffeehaustradition nichts mehr zu tun, aber als Glamourfaktor begeistert es die trendbewussten Prager. Verständlich, denn wer Prada trägt, schwärmt für cooles Design von heute. Jugendstil von gestern lässt ihn eher kalt. Diese Szenegänger bevölkern auch das “Café-Café” im Dunstkreis von Mozarts Ständetheater. Als neue Don Giovannis parken sie ihre Superschlitten dicht vorm Eingang, drinnen gibt es die Models sogar auch als Poster an nackter Ziegelwand.

CAFÉS, DIE MAN BESUCHEN SOLLTE

  • Café-Café Altstadt, Rytířská 10, Tel. 224 210 597, www.cafe-cafe.cz; Mo.–So. 10.00–23.00 Uhr
  • Café Imperial Neustadt, Na poříčí 15, Tel. 246 011 600; tgl. 7.30–23.00 Uhr.
  • Café Franz Kafka Josefstadt, Široká 10, Tel. 222 002 763; tgl. 10.00–22.00 Uhr.
  • Café Grand Hotel Evropa Neustadt, Václavské náměstí 25, Tel. 224 228 117; tgl. 7.00–24.00 Uhr.
  • Café Louvre Neustadt, Národní 20, Tel. 224 930 949; tgl. Mo.–Fr. 8.00–23.30, Sa. und So. 9.00–23.30 Uhr.
  • Café Savoy Kleinseite, Vítězná 5, Tel. 257 311 562; tgl. Mo.–Fr. 8.00–22.30, Sa. und So. 9.00–22.30 Uhr.
  • Grand Café Orient Altstadt, Ovocný trh 19, Tel. 224 224 240; tgl. 9.00–22.00 Uhr.
  • Kavárna Obecní dům Neustadt, Náměstí Republiky 5, Tel. 222 002 763; tgl. 7.30–23.00 Uhr.
  • Kavárna Slávia Altstadt, Národní 1, Tel. 224 218 493; tgl. 8.00–23.00 Uhr.
  • Nespresso Altstadt, Pařížská 10; Mo.–Fr. 10.00–20.00, Sa. und So. 11.00 bis 19.00 Uhr.

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