Es gibt Landschaften auf dieser Welt, die im Verdacht stehen, bloß Ansichtskarten zu sein. Sie wollen uns nur vortäuschen, dreidimensional zu existieren. Es sind wenige nur und meist solche, in denen Wasser, Wiesen, Felsen und Dörfer auf so unnatürlich harmonische Weise verteilt sind, dass eine warnende Stimme in uns sagt: „Das kann ja gar nicht sein!“
Fährt man, von der Stadt Salzburg kommend, auf der B 158 ostwärts, kann einen genau dieses Gefühl beschleichen, nämlich sich in eine solch dreidimensionale Ansichtskarte hineinzubewegen, Oder, besser gesagt, in einen Vierfarbprospekt. Ungefähr alle15 Kilometer findet man auf seiner beschaulichen Lustfahrt in die Tiefen des Salzkammerguts vor sich ein Panorama aufgeblättert, das hemmungslose Romantiker wie Georg Ferdinand Waldmüller oder Pieter Bruegel gemalt haben könnten.
An einem Sonntag in der Vorweihnachtszeit zum Beispiel: Da ist man in der Früh` noch unter tief hängenden Schneewolken nach einem Morgenkaffee im Tomaselli über den Christkindlmark auf dem Salzburger Domplatz geschlendert. Man hat, von der kalten Brise in eine Kirche gescheucht, einer Mozartmesse gelauscht, und später dem Advents-Turmblasen vom Glockenspielturm. Doch knapp vor Fuschl hat die Sonne die Wolken beiseite geschoben und der gleichnamige See mit dem stolzen Jagdschloss im Vorder- und dem tief verschneiten Schafberg im Hintergrund liegt vor einem so unverschämt jungfräulich gleißend hingestreckt, das das Herz zu pochen beginnt.
Noch betörender wird dann der Blick auf St. Gilgen. Dort schweben, an bunten Schirmen baumelnd, Paragleiter vom Himmel, die Gondeln der Zwölferhornbahn schweben in die Gegenrichtung den Pisten entgegen. Und unten, über die Schindeldächer des Dorfes, hat jemand eine schneeweiße Bettdecke gebreitet, so duftig und dick, wie man sie sonst nur noch in altmodischen Kinderbüchern findet.
Ähnlich idyllisch präsentieren sich die nächsten Prospekte, mit denen die Kaiser- und Operettenstadt Bad Ischl und, hinter Hallstätter See und Pötschenpass, Bad Aussee Besucher willkommen heißen.
„Salzburg“, schwärmte Karl Heinrich Waggerl, „das ist für mich der Platz der Welt, wo man so leben kann, wie man leben würde, wenn man so leben könnte“. Dem verschmitzten Diktum des Pongauer Heimatdichters würden die mehr als viereinhalb Millionen jährlichen Urlaubsgäste wohl aus vollem Herzen zustimmen. Auf sie übt das Umland der barocken Mozartstadt offenbar sommers wie winters eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. So gelten das Salzkammergut wie auch der nördlich angrenzende Flachgau dank ihren vielen Badeseen bereits seit Kaiser Franz Josephs Zeiten als Feriengegenden par excellence. Zugleich zählt diese im Norden von lieblichen Hügeln, im Südosten jedoch von Prachtgipfeln wie dem Zwölferhorn und Schafberg, dem Traunstein, Dachstein und Loser durchsetzte Region auch zu den allerersten Industriegebieten der Welt. Schon vor 2500 Jahren holte man hier, wovon indirekt mehrere historische Schaubergwerke zeugen, en masse kostbares Salz aus der Erde. Und dass es sich auch um uralten Kulturboden handelt, beweisen etwa frühmittelalterliche Schätze wie die über 1200 Jahre alten Klöster von Mattsee und Michaelbeuern.
Mindestens ebenso eindrucksvoll offenbart eine Fahrt von der Landeshauptstadt Richtung Süden, entlang der Salzach bis ins Gasteiner Tal oder über den Radstädter Tauern in den Lungau, die ganze Vielfalt des ›kleinen Paradieses‹. Da gibt es kühne Bergzacken wie den Hohen Göll, den Hochkönig oder die pittoreske Bischofsmütze, die jedes Alpinistenherz höher schlagen lassen, und lieblichere Grasberge wie die Gegenden rund um Saalbach-Hinterglemm oder Flachau und Wagrain, die sich mit ihren Dutzenden Liften und Seilbahnen perfekt zum Wandern wie auch Skifahren eignen. Traditionsreiche, für ihre Thermalbäder weithin gerühmte Kurorte wie das mondäne Bad Gas¬tein und das kaum minder elegante Bad Hofgastein erwarten den Besucher, mächtige Festungsanlagen wie jene von Werfen und Mauterndorf und einsame Hochtäler wie die des besonders sonnenreichen Lungaus in den Niederen Tauern. Und nur fünfzehn Kilometer südlich der Salzachmetropole liegt Hallein, wo vor zweieinhalb Jahrtausenden die keltische Wiege der Salzburger Kultur stand und kostbare Artefakte jener frühen Vorfahren ihrer Bewunderer harren.
Noch grandioser gebärdet sich die Natur im tiefen Süden, am Oberlauf der Salzach und in dessen Seiten¬tä¬lern. ›Land inner Gebirg‹, so bezeichneten die Flachland-Salzburger früher jene entlegenen Gebiete. In der Bezeichnung schwang lange Zeit Geringschätzung mit, galt doch die hochalpine Bergwelt als bedrohlich und ihre Bevölkerung als eher rückständig. Inzwischen hat man nicht nur längst den tieferen Sinn der Natur- und Traditionsverbundenheit der Bergbauern verstanden. Auch der unschätzbare Wert einer solch grandiosen, über weite Strecken unberührten Landschaft wie die Hohen Tauern ist Ökologen wie Fremdenverkehrsmanagern bewusst geworden. Die zum Nationalpark erklärten Gipfel und Täler zwischen Rauris, Krimml und Lofer sowie rund um die Europa-Sportregion Zell am See und Kaprun gelten, was das Konzept einer nachhaltigen Bewirtschaftung und eines zukunfts¬trächtigen, sanften Tourismus betrifft, als Modellregion für den gesamten Alpenraum.
Hoch über dem malerischen marktort Werfen und seiner imposanten Burganlage liegt der Eingang in die größte erschlossene Eishöhle der Erde. 20 000 Quadratmeter misst das 47km lange Höhlensystem der „Eisriesenwelt“, 800m davon sind für Normalbesucher zugänglich. 70 Minuten dauert die geführte Wanderung durch den verwunschenen Eispalast; der Weg führt vorbei an gigantischen Felsdomen, unterirdischen Gletschern, Eisseen und gefrorenen Wasserfällen, die von blauem Magnesiumlicht illuminiert werden. Warme Kleidung und festes Schuhwerk nicht vergessen!
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