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Tschechische Braukunst
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Das flüssige Gold 

von Thomas Veszelits

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Quelle: ©iStockphoto.com/ Okea

Seit 1082 wird in Prag Bier gebraut. Bis 1842 war der Gerstensaft dunkel und trüb. Dann kam die Wende in der Braukunst – obergärig mit leicht bitterem Geschmack, nach dem Ursprungsort Pils benannt.

Eigentlich war es ein Zufallsprodukt. Der junge Braumeister Josef Groll aus dem
bayerischen Vilshofen, als Brauereiretter nach Pilsen berufen, hatte lange experimentiert, bis ihm 1842 der große Wurf gelang. Fast wäre ihm das Rezept gleich wieder verloren gegangen, schließlich hatte er sich die Zutaten nicht genau notiert. Sein neues Gebräu passte zu den gerade neu hergestellten Gläsern: nicht mehr matt, sondern kristallklar. In der neuen Form glänzte das Pils wie flüssiges Gold.

Bierernst wird es in Tschechien, wenn es um das Nationalgetränk geht. Einmal im Jahr tagt die Bierakademie anlässlich der Gastromesse in Brünn, um die Top Ten der besten Gerstensäfte zu ermitteln. Wer meinst, die Goldmedaille muss schon traditionell dem Pilsner Urquell sicher sein, ist im Irrtum. Die meistgekrönte Sorte der letzten Jahre heißt Großpopowitzer Bock aus dem gleichnamigen Vorort bei Prag. Mehrmals errang auch die aufstrebende mährische Brauerei Radegast den böhmischen Bier-Oscar. Als dieser Newcomer aus dem kleinen Nest Radhost im Zuge der Fusionen sogar das Pilsner Urquell übernahm, brach für manchen Tschechen der Bierhimmel ein.

Heute gehört diese Marke mit dem höchsten Erkennungswert zu dem südafrikanischen Multi-Konzert SAB Miller. Seither meiden etliche eingeschworene Urquelltrinker dieses Produkt, vom Verdacht gequält, im Krug oder in der Flasche könnte ein Lizenzprodukt, womöglich aus Polen, schäumen – aus einem Land, das vom Bierbrauen überhaupt nichts versteht, wie tschechische Patrioten meinen. Doch SAB Miller lässt sich von derlei Skepsis nicht beeindrucken und stellt Pilsner Urquell inzwischen sogar in Japan her, um auf kürzesten Wegen den global gewordenen Markt zu bedienen – man weiß also nie, zumindest was die Abfüllungen in Flaschen und Dosen betrifft. Aus dem Fass, das schwören die Wirte hoch und heilig, wird immer noch das echte flüssige Gold aus Pilsen gezapft!

EIN SCHUTZ- UND TRUTZBÜNDNIS

DuMont Bildarchiv/ Martin Specht Als Initiative gegen die Globalisierung gründete sich eine Interessengemeinschaft der neun Prager Brauereien. Man ist entschlossen, dem Druck der (auch ausländischen) Multis standzuhalten. Im Rahmen dieser Renaissance – im vorigen Jahrhundert gab es allein in Prag 120 Brauereien – entstehen neue Mikrobrauereien. Vor Ort wird im Brauhaus und seit dem 13. Jahrhundert schon in der Brauereiburg „Zum Kelch“ gebraut. Den dortigen dunklen Dreizehner-Bock macht sein unnachahmlich süßrauchiger Geschmack im ganzen Land einzigartig. Die Stärkebezeichnung 13 steht nicht für den Alkoholgehalt, sondern für den Anteil der Stammwürze, den sogenannten Grad Plato. Die Schaumkrone ist so fest, dass sie die kleinste Münze, einen Heller, oben trägt.

Die Pilssorten enthalten 12°, die leichteren Biere 10° – das Smíchovsky Staropramen beispielsweise. Neben dem leicht süßlichen Budweiser schätzen die Kenner den Purkmystr aus der zur Niederbayern grenznahen Chodenstadt Domažlice, dunkel und mit 18° das stärkste Salvatorbier Tschechiens. Auch das Lagerbier aus dem Prager Stadtteil Braník hat eingefleischte Fans und seit jüngstem ein Museum mit Wirtschaft und Biergarten.

BEI BIER IMMER LOKALPATRIOT

In Prag hat jeder Stadtteil eine eigene Brauerei, mitunter gibt es auch Kneipen, in denen eigenes Bier in großen Kupferpötten brodelt. Die Besitzer sind oft urige Typen, mit eigener Philosophie. Die ist für den tschechischen Biertrinker mindestens so wichtig wie der Gerstensaft. Bier ist Religion, Überzeugung und ein lokalpatriotisches Bekenntnis. Mögen sich die südafrikanischen, belgischen, holländischen, dänischen Bierbarone die Welt aufteilen wie sie wollen, der Tscheche bleibt seinem garantiert aus heimischen Ressourcenherge stellten Stammtischprodukt treu. Und da hat jeder so seinen Geheimtipp: „Trinken Sie ruhig weiter Pilsner Urquell – aber probieren Sie vorher das fürstliche Lobkowiczer. Sie werden sehen, wo der Unterschied liegt“, sagt einer, während ihm der andere widerspricht: „Das Bier aus dem Novoměstský Restaurační Pivovar übertrifft alle.“

Eine trübe Sache wie anno dazumal. Bei diesem Biertyp, Levák genannt und nur vor Ort gebraut, bleibt nämlich die Hefe ungefiltert drin. Der Geschmack ist süßlich, mit 11° Stammwürze auch stark genug. Nach der Wende wurde 1993 diese Traditionsbrauerei aus dem 15. Jahrhundert wiedereröffnet. Der Ausstoß deckt gerade den Durst der Gäste im Lokal. Aber ein paar Flaschen zum Mitnehmen, die gibt es natürlich auch. Prost – auf Tschechisch: Na zdraví!

WO WIRD IN PRAG WAS GEZAPFT

Pilsner Urquell (Prazdroj) – auf das erste Fass aus Pilsen wurde in Prag 1843 in der Gaststätte „U Pinkasů“ („Zum Pinkas“) angestoßen, Neustadt, Jungmannovo náměstí 15/16, www.upinkasu.cz; Metrolinie A und B: Můstek; tgl. 10.00–03.00 Uhr.

Altquelle (Staropramen) – in der Brauerei Smíchov, Nádražní 84, www.staropramen.com, Tram 12, 20; tgl. 11.00–24.00 Uhr.

Budweiser (Budvar) – „U medvídku“ („Zu den Bärchen“), Neustadt, Na Perštýně 7, www.umedvidku.cz; Metrolinie B: Národní; tgl. 11.00–23.00, Budvarbar 16.00–03.00 Uhr.

Großpopowitzer Bock (Velkopopovický kozel) – „U Černého vola“ („Zum Schwarzen Ochsen“), Hradschin, Loretánské náměstí 1; Tram 22, tgl. 9.00–22.00 Uhr.

Štepán (Stephan) – Pivovarský dům (Brauhaus), Ječná/ Lipová 15, www.gastroinfo.cz; Tram 22; tgl. 11.00–23.30 Uhr.

Novoměstský Levák (Linker) – Novoměstský Restaurační Pivovar (Neustädter Restaurationsbrauerei), Vodičkova 20, www.npivovar.cz; Metrolinie B: Národní; tgl. 10.00–23.30 Uhr.

Flekovský ležák 13° (Fleck Lagerbier) – Brauerei „U Fleků“, („Zum Fleck“), Neustadt, Křemencova 11, www.ufleku.cz; Metrolinie B: Národní; So.–Mi. 10.00–23.00, Do.–Sa. 10.00–24.00 Uhr.

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