zurück zu den Reportagen zurück zu "Reportagen"
GARDASEETOURISMUS
Vielen Dank für Ihre Bewertung

Das Feeling macht's am Gardasee 

von Jochen Müssig

Bild 01_Artikel_Gardasee_Tourismus
Quelle: ©DuMont Bildarchiv/Michael Riehle

Schon die Römer liebten ihren Benacus, wie der See in der Antike hieß. Ihnen folgten prominente Touristen wie Goethe, Nietzsche und Prinz Charles. Und der Reiz des Gardasees ist erkennbar von Dauer: Denn die meisten Besucher kehren immer wieder zum See zurück.

Manchmal könnte man meinen, die Hälfte aller Gardasee-Urlauber von heute kannte die römischen Dichter Catull und Vergil, die einst den Lacus Benacus besangen, persönlich. Sicher ist nur: Der Gardasee ist ein Urlaubsziel für alle Generationen. Die Papas und Mamas aus den 1960er-Jahren sind inzwischen Opas und Omas. Aus der “Casa Bottura”, nicht klassifiziert, für 20 Mark die Nacht, ist mittlerweile ein hübsches Vier-Sterne-Hotel mit Pool geworden. Und die Vermieter von damals, die armen Botturas, sind inzwischen nicht nur selbst alt, sondern – wie so viele am See durch den Tourismus – auch reich geworden. Grund dafür ist das unnachahmliche (und wohl von jedem anders empfundene) Gardasee-Feeling: Schöne Kindheitserinnerungen sind das eine, tolle Burgen und hübsche Häfen das andere. Hinzu kommen Olivenhaine und Zypressen, die Pizza aus dem Holzofen und die lauen Abende bis Mitternacht: Die Mischung macht’s.

EIN ORT ZUM WIEDERKOMMEN

Seine mondänste Zeit erlebte der Gardasee während der Donaumonarchie des Habsburgerreiches, als die High Society der Literatur – Ibsen, Kafka, Rilke, Nietzsche, D. H. Lawrence und Thomas Mann – den damals deutschsprachigen Norden zwischen Riva und Torbole bevölkerte und sich hier inspirieren ließ. Heinrich Mann kam sogar zwanzigmal zu Besuch und war schon damals das, was man heute neudeutsch einen “Repeater” nennt, ein Wiederholungstäter also. Den Süden des Sees, allen voran Gardone und Sirmione, eroberten derweil Mailands vornehme Familien, wo sie die Heilquellen der Grotten des Catull wieder entdeckten, die schon die Römer so geliebt hatten.

Zur Habsburgerzeit war der See noch ein armes Gebiet, bewohnt von Fischern, Oliven- und Bergbauern. Die damals neuen Hotels waren alle in österreichischer Hand. Es gab eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, bestehend aus armen Anwohnern und reichen Besuchern. In den 1950er-Jahren hielt dann der Camping- und in den 1960er-Jahren der Albergo-Tourismus Einzug in die Region. Mit der Mistgabel verscheuchte man zunächst die Kühe, um Platz für Zelte zu machen. Etwas später wurde dann im Sommer das Kinderzimmer vermietet, um den Besuchern, die schon damals gerne wiederkamen, ein Bett anbieten zu können. Erst nach und nach hob man das Niveau an, entstanden die ersten kleineren privaten Hotels mit ein paar Zimmern. Der Autor dieser Zeilen erinnert sich noch gut an das Jahr 1966, als sich fast alle Gäste der Umgebung vor einem kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher in der “Casa Bottura” versammelten, um das Finale der Fußball-WM in Wembley zu verfolgen. Seitdem hat sich hier vieles verändert, wie andernorts auch, aber hier wie dort bekommt man den Eindruck, die damaligen Verhältnisse hätten sich in ihr Gegenteil verkehrt: Heute sind die Einwohner wohlhabend, und die Touristen müssen ihr Geld zusammenhalten.

Politisch ist der Gardasee in drei Provinzen, Trentino, Verona und Brescia, aufgeteilt. Die Fertigstellung der 120 Kilometer langen Ringanlage 1993 für die Abwasserentsorgung, über alle Rathaus- und persönlichen Animositäten hinweg, war die bemerkenswerteste organisatorische und umweltpolitische Leistung – eine Investition in die Zukunft des Tourismus. Obgleich alle drei Provinzen in Sachen Marketing ihr eigenes Süppchen kochen, hat man sich in den letzten Jahren sehr breit aufgestellt: Neben den Wochenendbesuchern (vornehmlich aus München und Oberbayern, Verona und dem Trentino) kommen auch viele Urlauber für eine Woche oder gar 14 Tage in den Sommerferien hierher. Und während des traditionellen Ferragosto gesellen sich im August viele Italiener dazu. Ein weiterer Trumpf aus Tourismusmarketing- Sicht sind die Freizeitparks um den Pionier Gardaland bei Peschiera. Hinzu kommt der Sporttourismus zu Wasser und zu Berge, auch Camper fahren immer noch gern hierher, und in der Nebensaison kommen die Senioren in ihren Bussen.

EINE SEHNSUCHT IN ZAHLEN

In Zahlen ausgedrückt, liest sich die Gardaseesehnsucht im 21. Jahrhundert wie folgt: Geschätzte fünf Millionen Gäste, davon knapp zwei Drittel aus Deutschland, lassen pro Jahr an die drei Milliarden Euro am See. Und einige sicher auch deutlich mehr als der Durchschnittsbürger: König Juan Carlos etwa, Prinz Charles oder die ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker und Horst Köhler.

BUCHTIPP

Eine geeignete literarische Lektüre, dem Gardaseefeeling auf die Spur zu kommen: Franziska Wolffheim, Gardasee. Wo der Süden beginnt, Frankfurt am Main 2000.

Der DuMont Bildatlas Gardasee ist im Handel und im Online Shop erhältlich.

Anzeige

Weitere Inhalte

mehr Videos

Weitere Videos YouTube Logo

mehr Bilder

Manerba beach, Lake GardaManerba launch pad, Lake GardaDesaturated Manerba launch pad, Lake GardaManerba, Lake GardaSunsetWelcome to BardolinoIMG11276IMG11272IMG11273IMG11271IMG11270
flickr Logo