Kurz nach 6.00 Uhr zieht sich die Sonne östlich hinter dem Kalksteinplateau in den wolkenlosen Himmel empor. Unzählige Kängurus hüpfen durch die vom Morgenlicht durchtränkte Steppe und suchen Schutz vor der schnell aufkommenden Hitze. Weit und breit kein Anzeichen menschlicher Besiedlung oder Zivilisation. Der Tagesanbruch im Cape Range National Park in Australien vollzieht sich in friedlicher Stille.
Rund 1.100 Kilometer nördlich von Perth erstreckt sich der Cape Range National Park auf einer Fläche von gut 500 Quadratkilometern über die Halbinsel North West Cape. Seine landschaftliche Vielfalt und seine Lage am indischen Ozean machen ihn zu einem der beliebtesten Nationalparks der australischen Westküste. Von dem bis zu 300 Meter hohen Kalksteinplateau senkt sich das Niveau über eine steppenähnliche Landschaft nach Westen bis auf Meereshöhe und mündet in den 60 Kilometer langen Küstenstreifen, der von traumhaften weißen Sandstränden und zuweilen von riesigen Dünen gesäumt wird.
Besonders beliebt ist der Cape Range National Park wegen des Ningaloo Reefs, das sich auf einer Länge von 260 Kilometern vor der australischen Westküste entlang zieht. Zwar ist es wesentlich kleiner als das weltberühmte Great Barrier Reef im Osten des Kontinents, im Gegensatz zu diesem liegt es jedoch zum Teil nur 100 Meter vom Festland entfernt und ist damit wesentlich einfacher erreichbar – auch ohne Boot. Die besten Ausgangspunkte für Schnorchel-Touren sind Oyster Stacks und die märchenhaften Strandbuchten Sandy Bay und Turquoise Bay. Das klare türkisblaue Wasser gibt den Blick auf unzählige Fische in Blau-, Gelb- und Grüntönen, Korallen und zuweilen sogar Leopardenhaie und Rochen frei. Letztere werden hier jedes Jahr vor allem zwischen Mai und Oktober vermehrt gesichtet. In den Monaten April bis Juni ziehen darüber hinaus die bis zu 12 Tonnen schweren Walhaie durch die Gewässer vor den Buchten des Cape Range National Parks – ein Naturschauspiel, das seinesgleichen sucht.
Die nördlicher gelegenen Strände sind übersät von treckerreifen-ähnlichen Spuren. Sie stammen von den Meeresschildkröten, die jedes Jahr zwischen November und Februar in der Dunkelheit an Land gehen, um ihre Eier im weichen Sand zu vergraben. Es kostet sie viel Kraft, ihre großen Körper in die Dünen und anschließend wieder zurück ins Meer zu schleppen. Wer sich bei Nacht leise auf die Lauer legt, kann mit etwas Glück und Geduld Zeuge dieses Ereignisses werden. Besucher sind gut beraten, sich vorher in der kleinen Informationsstation mit dem etwas zu pompösen Namen Jurabi Turtle Centre über die richtige Verhaltensweise bei der Beobachtung zu informieren.
Der Cape Range National Park ist trotz seiner Unberührtheit gut erschlossen. Wenige hundert Meter von der Küste entfernt zieht sich die Yardie Creek Road nahezu durch das ganze Areal. Lediglich der südlichste Teil kann nur mit Fahrzeugen mit Vierradantrieb befahren werden. Die Geschwindigkeitsbegrenzung liegt bei 80 Kilometern pro Stunde. In der Nacht zu fahren sollte tunlichst vermieden werden, denn vor allem in den frühen Morgenstunden und am späten Nachmittag, wenn die Sonne etwas niedriger steht und die Temperaturen erträglicher werden, wird die Ebene von allerlei großen und kleinen Tieren bevölkert. Zwischen den trockenen Sträuchern tauchen plötzlich Rote Riesen-Kängurus, Wallabies, Emus & Co. auf, um die Straße zu überqueren. Wer zu dieser Zeit mit 30 Kilometern pro Stunde oder sogar in Schrittgeschwindigkeit die Yardie Creek Road entlangfährt, kann sich den oft direkt neben der Straße grasenden Kängurus manchmal bis auf wenige Meter nähern.
Das östlich der Yardie Creek Road gelegene Kalksteinplateau ist mit seinen unzähligen Höhlen und Schluchten ein herrlicher Ort für kleine Wanderungen. Einer der schönsten Wege führt entlang eines ausgetrockneten Flussbettes durch die Mandu Mandu Gorge und schließlich hinauf auf das Plateau. Von hier aus eröffnet sich ein wundervoller Ausblick über einen Großteil des Nationalparks, hinweg über die Ebene bis zum Indischen Ozean. Etwa eineinhalb Stunden benötigt man für den drei Kilometer langen Rundweg. Es ist jedoch beinahe unumgänglich, sich schon bei Tagesanbruch auf den Weg zu machen. Aufgrund des heißen Klimas Nord-West-Australiens wird es nicht selten bis zu 47 °C heiß und vor allem in den Schluchten staut sich die Hitze. Es gibt nahezu keine Schatten spendenden Bäume. Genügend Trinkwasser und ein guter Sonnenschutz sind daher unerlässlich.
Wer mehrere Tage im Cape Range National Park verbringen möchte, kann für wenige Dollar auf einem der zahlreichen Campingplätze übernachten, die sich an der Küste aneinander reihen. Die einfachen Stellplätze liegen zumeist direkt hinter den Stränden und sind mit Toiletten ausgestattet. Wasser und Strom gibt es jedoch nicht. Während der Regenzeit können einige von Ihnen geschlossen sein. Hierzu erkundigt man sich am besten im Besucherzentrum in Exmouth oder im Milyering Visitor Centre, das direkt im Park gelegen ist. Hier sind auch die Camping-Gebühren sowie der Parkeintritt zu entrichten. Letzteres ist nur notwendig, wenn man nicht schon im Besitz eines Passe ist, der für einen bestimmten Zeitraum den Zutritt zu einer Vielzahl von Nationalparks in Western Australia ermöglicht.
Wer auf Annehmlichkeiten wie Waschräume und Elektrizität nicht verzichten möchte, findet auch in der nur eine halbe Autostunde entfernt liegenden Stadt Exmouth diverse Übernachtungsmöglichkeiten. Von hier aus lassen sich unkompliziert Tagesausflüge in den Cape Range National Park unternehmen. Ob eine Dusche jedoch einen angemessenen Ausgleich dafür bietet, morgens nicht inmitten dieser wundervollen Oase zu erwachen, muss wohl jeder selbst entscheiden.
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