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Außerhalb von Raum und Zeit
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Besuch in orthodoxen Kirchen 

von Klaus Bötig

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Quelle: DuMont Bildarchiv/ Tobias Gerber

Ikonen und Wandmalereien verwandeln orthodoxe Kirchen in Konsulate des Himmels auf Erden. Sie bezeugen immerwährende Wahrheiten und bringen die Gläubigen in direkten Kontakt mit den Heiligen, die in ihr Leben eingreifen und für sie Wunder wirken können.

Auf den Unkundigen wirken orthodoxe Kirchen wie begehbare Bilderbücher des Glaubens. Da werden an den Wänden großformatig biblische Ereignisse von der Erschaffung der Welt bis zum Pfingstwunder dargestellt, auch das Jüngste Gericht als Warnhinweis an die Irdischen ist häufig präsent. Tafelbilder und Fresken zeigen zahlreiche Heilige von frühchristlichen Märtyrern bis zu frommen Opfern der osmanischen Herrschaft.

WOHLIGERME

Besucher betrachten, was sie sehen, meist als Raumschmuck und Kunstwerk. Nicht so der orthodoxe Gläubige. Der Hirte, der weitab in der Einsamkeit eine Kapelle betritt, ist plötzlich nicht mehr allein. Er weiß sich von Heiligen umgeben, angenommen und beschützt. Ioánna Petrákis, die weitgereiste Dorfschullehrerin, fühlt in den Kirchen ihres Landes jene wohlige Wärme, die sie in Gotteshäusern anderswo schmerzlich vermisst, fühlt sich geborgen in einer größeren Welt. In sie taucht der orthodoxe Gläubige ein, wenn er sein Gotteshaus betritt. Ioánna versteht das deutsche Begriffspaar von „Diesseits“ und „Jenseits“ nicht: „Ihr stellt damit doch die kleine Erde und das Wenige, was wir begreifen, auf die gleiche Ebene wie die Unendlichkeit des Raums und all das Unbegreifbare, das uns unverständlich bleibt!“

In der Kirche fühlt sich Ioánna als Teil dieses großen Ganzen. Sie hat Anteil an seinem ewigen Licht, das Öllampen und Kerzen ebenso widerspiegeln wie der Goldgrund der Ikonen und die goldenen Heiligenscheine. Durch einen Blick in die Augen der immer frontal dargestellten Heiligen findet sie spirituellen Zugang zu ihnen, werden sie für sie gegenwärtig. Deswegen kann sie hier auch mit ihnen kommunizieren, zu ihnen beten, Wünsche äußern, Geschenke wie Votivtäfelchen, Uhren und Schmuck darbringen.

EWIGE VERSPRECHEN

Auch die Darstellungen biblischer Ereignisse auf Fresken und Ikonen vergleichen nur Westler mit „Armenbibeln“. In der Orthodoxie illustrieren sie nicht vorrangig historische Ereignisse, sondern erneuern kontinuierlich durch sie verkündete Heilsbotschaften. Besonders deutlich wird das beim orthodoxen Osterbild, das die Höllenfahrt Jesu zeigt: Der Erlöser hat die Pforten zur Unterwelt gewaltsam aufgebrochen und befreit jetzt zuerst Adam und Eva stellvertretend für die gesamte Christenheit aus ihren Gräbern zum Ewigen Leben. Dieses Versprechen wird übrigens auch alljährlich im Ostergottesdienst erneuert, in dem der Priester nach bangen Minuten des Wartens in Dunkelheit verkündet „Christós anésti“, „Christus ist auferstanden“! Damit meint er nicht das historische Ereignis von damals, sondern das damit gegebene Erlösungsversprechen, das zeitlos gilt.

ERKENNUNGSHILFEN IN KIRCHEN

Jede Kirchenbesichtigung bereitet mehr Freude, wenn zumindest einige der Dargestellten auf Ikonen und Wandmalereien erkannt werden:

Christus trägt – ob als Neugeborener oder als Richter beim Jüngsten Gericht – stets die drei Buchstaben OΩN im Heiligenschein. Sie bedeuten „Der ewig Seiende“.

Gottvater trägt – wenn überhaupt einmal dargestellt – als einziger meist einen dreieckigen Heiligenschein und verweist so auf die Heilige Dreifaltigkeit.

Der Heilige Geist erscheint immer als weiße Taube, die manchmal ein runder Heiligenschein umgibt.

Johannes der Täufer trägt häufig seinen ihm auf Wunsch der Königstocher Salome abgeschlagenen Kopf auf einer Schale in der linken Hand.

Der römische Kaiser Konstantin und seine Mutter Helena halten meist ein aufrecht stehendes Kreuz zwischen sich – das Kreuz, an das Jesus geschlagen wurde und das Helena aus dem Heiligen Land nach Konstantinopel brachte.

Die Agía Paraskeví, Schutzheilige der Augenkranken, zeigt eine Schale mit einem Augenpaar in der Hand – den ihr selbst während ihres Martyriums ausgestochenen Augen.

Ágios Raffaíl fehlt heutzutage in kaum einer Kirche. Er gilt als Schutzheiliger der Krebskranken und wird immer mit einem seiner Mönchsbrüder dargestellt; zwischen beiden steht ein kleines Mädchen in meist weißem Gewand.

Den Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes (Matthaíos, Márkos, Loúkas und Ioánnis) sind überwiegend ihre Symbole zugefügt: Stier, Löwe, Mensch und Adler.

Einzige Kleiderregel: Badebekleidung ist unschicklich. Auch Nicht-Orthodoxe dürfen Kerzen entzünden und Geld spenden. Und fotografieren ist meist unerwünscht!

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