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Stuttgart 21
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Baustelle zerreißt die Bürgerschaft 

Dina Stahn, Stuttgart

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Quelle: iStockphoto®/ AndreasWeber

Stuttgarts Hauptbahnhof soll komplett umgebaut werden. Dieses Großprojekt ist höchst umstritten: Die einen sehen darin eine städtebauliche Jahrhundertchance, die anderen fürchten ein Milliardengrab.

Jeden Montag, 18.00 Uhr, vor dem Nordeingang des Stuttgarter Hautbahnhofes die
gleiche Szenerie: Menschen mit Transparenten, Fahnen, Trillerpfeifen demonstrieren gegen das „Stuttgart 21“ genannte Großprojekt, das über Jahre hinweg die baden-württembergische Landeshauptstadt zur größten Baustelle Europas machen wird. Unüblich ist die bunte Zusammensetzung der Demonstranten: Sogar Bürger aus der Mitte der Gesellschaft und zahlreiche ältere Menschen schwenken hier die Fahnen und machen ihrem Unmut Luft. Sie sehen ihre Stadt in ernster Gefahr, kein anderes Thema treibt die Bürgerschaft mehr um und treibt tiefere Keile in die Gemeinschaft. Was steckt hinter dem Projekt? Ziel ist es, den bisherigen oberirdischen Kopfbahnhof in einen unterirdischen Durchgangsbahnhof umzubauen. Dazu muss der Gleiskörper um 90 Grad gedreht und massiv in die Umgebung eingriffen werden: Den Tiefbauarbeiten werden Teile des Schlossgartens mit 280 teils uralten Bäumen und die Seitenflügel des denkmalgeschützten Bahnhofbaus zum Opfer fallen. Wo bislang oberirdisch die Bahngleise verlaufen, entsteht in bester Citylage eine Freifläche für einen komplett neuen Stadtteil, der nach Fertigstellung des Bahnhofs realisiert werden soll – auch das ein Riesengeschäft. Auch der Ausbau der ICE-Bahnstrecke nach Ulm gehört zum Gesamtpaket und soll Stuttgart Richtung Osten ins Netz der Hochgeschwindigkeitszüge ein binden.

ZERRÜTTETES VERHÄLTNIS

Doch viele Stuttgarter protestieren. Die Kritik der Projektgegner, untermauert mit Expertenmeinungen, setzt zunächst auf der Kostenseite an. Die jetzige Kalkulation sei schöngerechnet, eine exorbitante Steigerung programmiert, das überflüssige Prestigeobjekt ziehe Geld an wichtigeren Stellen ab. Die Großbaustelle Bahnhofsareal bringe außerdem einen Verlust der Lebensqualität durch jahre langen Lärm, Baustellenverkehr, gesperrte Straßen, Chaos im Nah- und Fernverkehr, Containerstädte für Bauarbeiter, von den gravierenden Eingriffen in den geliebten Schlossgarten und das Bahnhofsgebäude ganz zu schweigen. Schwer wiegt auch der Vorwurf, große technische Risiken würden verschwiegen. Denn die Tunnelbauten durch das sensible Gestein Stuttgarts sind in der Tat eine Herausforderung. Doch die Projektträger beruhigen: Weder seien die Mineralquellen gefährdet, noch Schäden durch quellenden Untergrund zu erwarten. So fährt jede Seite ihre Geschütze und Experten auf, und ein Ende der Auseinandersetzung ist nicht abzusehen. Fakt ist: Schon vor dem ersten Spatenstich hat sich ein tiefer Gaben aufgetan – zumal bereits bei ersten Arbeiten im oberirdischen Gleisfeld weitreichende Schwierigkeiten zutage traten. So nutzten viele Stuttgarter die Kommunalwahl 2009, ihren Willen kund zutun. Das bekam die CDU, die hinter dem Projekt steht, mit voller Wucht zu spüren: Sie büßte erstmals ihre Mehrheit im Stadtrat ein. Die Grünen zogen mühelos an ihnen vorbei mit dem Versprechen, sich gegen das eigentlich fest beschlossene „Stuttgart 21“ zu stemmen.

FAKTEN ZU „STUTTGART 21“

Kosten (offizielle Angaben, Stand Sommer 2010):
insg. 4,088 Mrd. € (inklusive Risikovorsorge), davon Deutsche Bahn 1469 Mio. €, Bundesrepublik Deutschland Bund inklusive EU-Beitrag 1229,4 Mio. €, Land Baden-Württemberg 823,8 Mio. €, Stadt Stuttgart 238,5 Mio. €, Flughafen Stuttgart 227,2 Mio. €, Region Stuttgart 100 Mio. €

Kosten Neubau ICE-Strecke Stuttgart–Ulm:
2 Mrd. €, davon Land Baden-Württemberg 950 Mio. €, Bundesrepublik Deutschland 1050 Mio. €

Bauzeit:
„Stuttgart 21“ 2010–2019, ICE-Neubaustrecke Stuttgart–Ulm Fertigstellung 2019, Bau des neuen Stadtviertels ab 2021

Informationen:
Turmforum im Hauptbahnhof (tgl. 10.00–18.00, Do. bis 21.00 Uhr; www.das-neue-herzeuropas.de). Projektgegner: www.kopfbahnhof-21.de und
www.parkschuetzer.de

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