zurück zu den Reportagen zurück zu den Reportagen
Havanna
Vielen Dank für Ihre Bewertung

Annäherung an eine "hässliche Schöne" 

von Ulli Langenbrinck

Bild 01_Artikel_Havanna
Quelle: ©iStockphoto.com/John Woodworth

Von der Festung El Morro aus gesehen liegt Havanna ausgebreitet am grünblauen Meer: im Vordergrund die Hafeneinfahrt, das Dächergewirr der Altstadt, der zuckerbäckerweiße Revolutionspalast, die verwaschenen Häuser an der kilometerlangen Uferpromenade Malecón. Hinter der Altstadt, rund um die Hafenbucht, stoßen Industrieanlagen und eine Ölraffinerie fetten schwarzen Rauch in den Himmel. Aus dieser Entfernung wirkt die Stadt still wie eine sanft colorierte Stummfilmszene. Ein Eindruck, der sich schlagartig ändert, sobald man etwa über den Malecón fährt oder über die 23. Straße, „La Rampa“, die Hauptschlagader des Vedado-Viertels: dröhnende Lkws und fauchende Busse donnern über die Straße und ziehen schwarze Abgaswolken hinter sich her, knatternde Motorräder mit Beiwagen, Ladas ohne Auspuff und brummende amerikanische Straßenkreuzer schieben sich dazwischen. Fahrradgeklingel, gellende Bläsersätze aus Gettoblastern, laut rufende Stimmen, rhythmisches Gehupe und sanfte Bolero-Fetzen vermischen sich zu dem ganz besonderen Sound Havannas. Die “hässliche Schöne” Havanna, so heißt es in einem Lied, ist eine Mischung aus einem kafkaesken Traum und einem surrealistischen Bild von Dalí.

Das Echo vergangener Zeiten

©iStockphoto.com/Bruno Medley In der aufwändig restaurierten Altstadt La Habana Vieja ist dieser Sound sozusagen etwas gedimmt, denn durch die schmalen, kopfsteingepflasterten Straßen fahren kaum Autos und die Geräusche sind eher von Menschen gemacht: eine Hausfrau klappert mit den Töpfen und singt dazu ein paar Verse, aus einem Café dringen die Gitarren und Trommeln einer Live-Band, Kinder johlen, irgendwo dudelt ein schlecht eingestelltes Radio. Wenn Havanna eine „steinerne Schnecke“ ist, wie der Schriftsteller Manuel Pereira sagte, dann ist die Altstadt ihr Herz – nicht nur, weil hier alles angefangen hat und im Juli 1519 mit einer katholischen Messe die Stadtgründung Havannas gefeiert worden war. Und nicht nur, weil Althavanna als größtes koloniales Ensemble der Karibik von der UNESCO zum Weltkulturerbe der Menschheit gekürt wurde – von der Plaza de Armas bis zum Capitolio, von der Plaza Vieja oder der Plaza de la Catedral bis zum Paseo del Prado flaniert man an kolonialen Prachtbauten, Festungen und herrlichen kleinen Stadtpalästen mit schattigen Patios, an traditionellen Geschäften, einladenden Cafés und vielen großen und kleinen (sehr sehenswerten) Museen vorbei und hört und fühlt das Echo vergangener Zeiten – die Trommeln der schwarzen Sklaven, die Pferdekutschen der spanischen Kolonialherren, die Rufe der Straßenhändler, die Polizeisirenen der Diktatur und die Schüsse der Revolution.

Die bewegte Vergangenheit (und Gegenwart) Havannas kann man sehr schön an der Plaza Vieja beobachten. Die alten Stadtpaläste wurden mit viel Aufwand herausgeputzt, doch bei einigen Wohnhäusern und dem früheren Jugendstilhotel Palacio steht die Renovierung noch aus. Auf den Balkonen flattert Wäsche zum Trocknen, und unter den Arkaden sitzen wie eh und je die Dominospieler und knallen ihre Steinchen auf eine wackelige Holzkiste. Rund um die Plaza Vieja kann man kubanische Kunst und Musik genießen und kaufen: etwa im staatlichen Kunstfond (Palacio del Conde de Jaruco, mit schönem Patio), in der Fototeca de Cuba (Ausstellungen und Verkauf cubanischer und lateinamerikanischer Fotowerke), im Palacio de los Condes de Lombillo (Konzerte) und in der Taberna Beny Moré, das dem legendären Musiker und Sonero gewidmet ist.

Mambo und Mafia…

©iStockphoto.com/Rainer Soegtrop Im Gegensatz zur Altstadt gilt Vedado als das moderne Stadtzentrum Havannas – eine bunte Mischung der verschiedensten Baustile, vom Neoklassizismus über die Neugotik bis zu Jugendstil und Art Déco. Doch vor allem ist Vedado das Symbol der roaring fifties und der Mafia. Das heute ziemlich heruntergekommene Hotel Capri gehörte dem US-amerikanischen Mafioso Santo Traficante Jr., Meyer-Lanski dagegen ließ sich das blau schimmernde Hotel Riviera direkt an den Malecón bauen. 1957 eröffnete er hier das hoteleigene Spielcasino, damals das größte außerhalb von Las Vegas. Meyer-Lanski gehörte teilweise auch das 1930 im italienischen Stil gebaute Prunkhotel Nacional, in dessen Casino die Crème der amerikanischen und cubanischen Society Millionen verjuxte – an den Spieltischen unter den Kronleuchtern der eleganten Salons rollten die Roulettekugeln und draußen, rund um den Pool, widmete man sich dem Poker.

Ende 1958 wurde in Vedado das elegante Hilton-Hotel eingeweiht. Wenige Tage später siegte die Revolution, das Hilton wurde enteignet, in Habana Libre umgetauft und zum provisorischen Regierungssitz der Rebellen umfunktioniert.

Tipp:

Die Uferpromenade Malecón ist das öffentliche Wohnzimmer der Stadt und ihre breite Mauer ein kilometerlanges Sofa, auf dem es sich ganz Havanna gemütlich macht – ganze Familien, alte und junge Liebespaare genießen hier die Abendsonne. So viel wird am Malecón geküsst, lästern die Habaneros, dass man mit dieser Energie ganze Stadtviertel erleuchten könnte. Hier werden Schwarzmarktgeschäfte abgeschlossen, hier wird Musik gemacht, der Meeresgöttin Yemayá geopfert, hier wird geangelt und gehandelt. Und dem glutroten Sonnenball zugesehen, der melodramatisch im Meer versinkt – ein kostenloses und unvergessliches Spektakel.

Anzeige

Weitere Inhalte

mehr Videos

Weitere Videos YouTube Logo

mehr Bilder

La Habana ViejaDSC_2486Gateway to Ciénaga de Zapata National ParkOld Cuban carsCapitolio - Havana CubaCojimar un puente entre dos aguas.La Mirada (The Look)Chess.TrinidadTrinidad, Coco TaxiHavana PharmacyRefreshments
flickr Logo

Reisewetter

Rio de Janeiro
Mittwoch,
08.02.12
heiter
20C / 33C
Donnerstag,
09.02.12
heiter
20C / 34C
Freitag,
10.02.12
heiter
22C / 35C
Ausführliches Reisewetter auf wetter.net Logo