In Stuttgart wird der Stoff gewoben, aus dem Autoträume sind. Die Nobelmarken Daimler-Benz und Porsche machten von hier aus beispiellose Karriere. Auch die Firmenmuseen sind nicht ganz alltäglich.
Der Drang der Schwaben zum Tüfteln ist sprichwörtlich, und einen nicht unerheblichen Teil des wirtschaftlichen Erfolgs verdankt Baden-Württemberg seinen Erfindern. Im besonderen Maße gilt das für die Hauptstadt selbst, wo gleich mehrfach Automobilgeschichte geschrieben wurde. Der Erfolg von 125 Jahren Autoherstellung lässt sich Tag für Tag auf den Straßen der Stadt hören und sehen, neuerdings auch in zwei Museen: Außen setzt die Architektur Maßstäbe, innen stehen Ikonen der Autogeschichte.
Die Geschichte beginnt 1882. Damals nistete sich in einem ausgedienten Gewächshaus in Stuttgart-Bad Cannstatt das geniale Gespann Gottlieb Daimler (1834–1900) und Wilhelm Maybach (1846–1929) ein. In ihrer Werkstatt entwickelten sie 1883 den ersten schnell laufenden Benzinmotor der Welt, der die wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung der Motorfahrzeuge schuf. 1886 baute das Duo den Motor in eine Pferdekutsche ein, die mit 18 Stundenkilometern und ohne Pferde durch die Lande „raste“. Als Erfinder des Automobils gingen sie jedoch nicht in die Lehrbücher ein, denn zeitgleich erfand der Karlsruher Karl Benz (1844–1929) den dreirädrigen „Benz-Patentmotorwagen“. Dieser gilt deshalb als erstes Auto der Welt, weil hier Fahrgestell und Motor eine eigenständige Einheit bilden. Viele Jahre standen sich die beiden Autopioniere als scharfe Konkurrenten gegenüber. Erst 1926 fusionierten die Unternehmen zur Daimler-Benz AG. Zum Image Stuttgarts als Autostadt trug außerdem ein Konstrukteur der zweiten Generation bei: der ehemalige Daimler-Mitarbeiter Ferdinand Porsche (1875–1951). Er verließ die Firma nach der Fusion, um sich selbständig zu machen. 1936 entwickelte er in der Garage des Hauses Feuerbacher Weg 48 das erfolgreichste Automodell, den VW Käfer. Die Sportwagen, Basis der Legende Porsche, folgten erst ab 1948.
Beide Autoschmieden setzen ihre ganze Pracht am Stammsitz Stuttgart unübersehbar in Szene: 2006 eröffnete die Daimler AG das größte Automuseum der Welt. Rauschenden Beifall gab es für die Architektur, die laut „Die Zeit“ das Großartigste darstellt, was in jüngster Zeit gebaut wurde. Das Bauwerk, geplant vom Amsterdamer UN Studio Ben van Berkel und Caroline Bos, besitzt keine rechten Winkel, keine geraden Wände. Die markanten organisch geformten Außenflächen überzieht eine mattsilber glänzende Haut. So ungewöhnlich das Äußere, so auch die Anmutung im Inneren, das die Doppelhelix der Gene zum Vorbild hatte. Zwei ineinander verwundene Wege nehmen die über 1500 Exponate auf: Im einen erzählen sieben „Mythos-Räume“ die Geschichte der Marke, der andere umfasst fünf „Collections-Räume“ mit der Produktpalette vom Lkw bis zur S-Klasse. Gleich neben dem Museum erstreckt sich das Daimler-Stammwerk Untertürkheim. Dort allein arbeiten 18 000 Menschen, im Montagewerk im benachbarten Sindelfingen weitere 28 800. Tausende Arbeitsplätze in und um Stuttgart hängen über die Zulieferindustrie ebenfalls am Tropf des Autos und nicht nur an dem mit dem Stern. Mit 2300 Mitarbeitern ist die Porsche AG in ihrem Stammsitz Stuttgart-Zuffenhausen vertreten. Auch sie hat sich 2009 ein futuristisch-imponierendes Firmenmuseum geleistet. Schneeweiße Räume nehmen 80 Modelle der Firma auf, darunter VW Käfer und Traktoren und natürlich die Sport- und Rennwagen. Beide Museen, nicht zum Sparzwang öffentlicher Einrichtungen verdammt, ziehen bei der Ausstellungstechnik alle Register, um ihre auf Hochglanz polierten Exponate erlebbar zu machen und dem Technikfreund viele Details nahezubringen. Der Stein der Weisen – ein Fahrzeug, das individuelle Mobilität ermöglicht, weder Lärm noch Abgase produziert, erschwinglich ist und Arbeitsplätze schafft – der liegt leider noch in keinem der beiden Schreine.
Mercedes-Benz Museum
Mercedesstraße 100, Stuttgart-Bad Cannstatt,
Tel. 07 11/1 73 00 00, www.mercedes-benz-classic.com
Di.–So. und Fei. 9.00–18.00 Uhr
Porsche Museum
Porscheplatz 1, Stuttgart-Zuffenhausen, Tel. 0 18 05/35 69 11,
www.porsche.com/germany/aboutporsche/porschemuseum
Di.–So. und Fei. 9.00–18.00 Uhr
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