Er ist der Weg des Sommers unter der warmen Sonne des Südens, die Sehnsuchtsstrecke der Hausbootfahrer in Frankreich: der Canal du Midi. Auf 240 Kilometer verbindet er Toulouse mit dem Mittelmeer – als technisches Wunderwerk, das Freizeitskipper erfreut, aber auch schwitzen lässt.
Seine Schleusen, 98 an der Zahl, bringen immer wieder Abwechslung und Aufregung in die Muße auf dem Wasser des „Canal Royal“. „Pas de soucis“, keine Sorge, meint Pierre nur, der eine Stunde lang die Freizeitskipper in Technik und Handling der „Tango“ einführt, die im Grand Bassin von Castelnaudary vertäut liegt. Gut zwölf Meter misst das schwimmende Ferienheim, unter Deck alles Notwendige für einen ungezwungenen Aufenthalt. Am sommerlichen Himmel ballen sich Gewitterwolken und lassen die Altstadt dramatisch im Licht leuchten, als die „Tango“ ablegt. An Bord: zwei Frauen und ein Kind. O làlà! Mit sichtlicher Neugier schauen die Passanten zu. Bis zur ersten Schleuse sind es 170 Meter. „Kommt mal hoch in den Turm“, ruft der Schleusenwärter, „dann könnt ihr sehen, was ihr vor euch habt!“ Die Écluse St-Roch, vier riesige Staustufen, zwölfeinhalb Höhenmeter, und zig Hausboote, die gleichzeitig auf und ab geschleust werden.
Die Skipperin hat kleine Sorgenfalten auf der Stirn, als sie die Eisenleiter hochklettert. Mit ungeheurer Kraft schießt das Wasser durch die geöffneten Schleusentore, will das Boot von der Wand wegdrücken, das vorn und hinten mit Leinen gehalten wird. Minuten später ist der Spuk vorbei, liegt das Schiff wieder träge im Wasser und wird mit den Leinen per Hand zur nächsten Schleusenkammer gezogen. Nach 30 Minuten Anspannung ist die erste Schleuse gemeistert. Der Blick auf das Emailleschild am Schleusenwärterhäuschen ernüchtert: 1533 Meter sind es bis zur nächsten Herausforderung, der doppelten Écluse de Gay, 1653 Meter bis zur dreistu figen Écluse de Vivier. Danach bleibt kaum noch Zeit, einmal den Schweiß von der Stirn zu wischen, dreizehn weitere Schleusen folgen im Halbkilometertakt. Unbarmherzig scheint die Sonne auf das Deck, in der flimmernden Luft liegt der Duft von Kräutern. Weit schweift der Blick über Sonnenblumen- und Weizenfelder, hin zu den schneebedeckten Bergspitzen der Pyrenäen. Mittags ist Zwangspause – auch Schleusenwärter gönnen sich eine Ruhepause. Nachmittags ist spätestens um 19 Uhr Schluss, Nachtfahrten auf dem Kanal sind verboten.
Nach fünf weiteren Schleusen und sieben Kilometern Fahrt tanzen die Strahlen der tief stehenden Sonne zwischen den Baumreihen. Wasserlilien leuchten gelb am Ufer, Frösche quaken, Stille.
Die „Tango“ liegt ruhig am Steg vertäut. Ein verwittertes Holzschild informiert: La Boutique de l’Écluse, Artisanat, Vin, Pain … An Holztischen sitzen Jean Louis und Fréderique Aillaud, ver kaufen Selbstgetöpfertes, hausgemachte Marmelade, Honig der Region, Confit, Cassoulet und Croissants. Abends genießen beide ein Glas Rotwein mit den Gästen von den „Pénichettes“. Einsamkeit oder Langeweile kennen sie nicht: „Zu uns kommt die Welt.“ Und auch die Uhr hat Urlaub.
Anreise:
Mit Germanwings, Lufthansa oder Air France nach Toulouse, Leihwagen oder SNCF bis Castelnaudary
Hausbootvermietung:
Le Boat, c/o Crown Blue Line,
Theodor-Heuss-Straße 53, 61118 Bad Vilbel, Tel. 0 61 01/
s5 57 91 75, Fax 0 61 01/5 57 91 22, www.leboat.de
Preise:
Die „Tango“ kostet je nach Reisezeit ab 1500 € pro Woche zuzügl. Nebenkosten für Betriebskosten (Wasser, Diesel, Gas), Liegegebühren, Versicherung. Tipp: Leihräder gleich mit mieten!
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