Bretagne
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Fast am Ende der Welt 

von Manfred Görgens

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Quelle: ©iStockphoto.com/Oliver Malms

Der unbestritten stärkste Bretone hat die Haare zum Zopf gebunden, sammelt Römerhelme und ist nach eigenem Befinden nicht dick. Dennoch trägt er auf seiner Hose als optische Schlankmacher Längsstreifen, natürlich in Blau-Weiß, den Erkennungsfarben seiner eigensinnigen Heimat. Als Asterix und Obelix 1959 zur Comic-Welt kamen, war es nur logisch, ihr “kleines gallisches Dorf” in der Bretagne zu verorten. Schließlich schien das Frankreich der Nachkriegsjahre nirgends so kauzig wie dort.

Über das liebenswert Provinzielle ist saftiges Gras gewachsen. Und doch werden Comic-Fans bei dem kleinen und dem dicken Gallier immer wieder fündig, wenn sie zum Kern bretonischer Eigenarten vordringen möchten. Allein Blau und Weiß stehen für so vieles in der Region. Für das Meer und seine Schaumkronen, den Himmel und die bauschigen Wolken, die ein kräftiger Wind landeinwärts pustet. Für den berühmten Ringelpulli aus Quimper, das seine Faïencen in einem Aufwasch auch gleich blau-weiß einfärbt. Für die grell getünchten Bauernhäuser am Strand, vor denen Hortensien kobaltblau blühen, und überhaupt für die Leichtigkeit des Urlauber-Seins.

Vom Nationalfelsen zu den Austernschlürfern

©iStockphoto.com/Oliver Malms Dass dies alles daliegt wie gemalt, fand so richtig erst der Künstler Paul Gauguin. 1886 ließ er sich in Pont-Aven nieder – tief im bretonischen Süden, aber nicht einmal am Meer, sondern in ländlicher Idylle zwischen Fachwerk und Fluss. Diese radikale Art von Weltflucht und der Hang zum Binnenland haben sich überlebt. Die Bretagne-Reise heutiger Fasson bleibt nahezu bedingungslos eine Küstenangelegenheit und beginnt oftmals dort, wo die Bretagne noch normannisch ist: an der Klosterinsel Mont St-Michel. Der markante Kegel im Meer scheint das Pittoreske geradezu erfunden zu haben, was jährlich ein Millionenheer von Besuchern herbei schwemmt.

Das schlagende Argument, die Fahrt westwärts in ruhigere Gefilde fortzusetzen, trägt die Farbe Blau. Ringsum nagt das Meer an der Bretagne und hat bizarre Gebilde in uralte Steine gefressen. Vor solcher Kulisse kostet das Glück nicht viel: Fahrrad und Badehose, Zelt und ein paar Brocken Französisch genügen, um Gott in Frankreich zu werden. Als kleine Wonne zwischendurch gibt es Cidre im Steinkrug und eine Crêpe auf die Hand, bei höheren Ansprüchen auch heimische Austern zum Spartarif.

Bretonische Strandpartie

Nicht weit vom Mont St-Michel hat sich das alte Korsarennest St-Malo gleichsam selbst eingemauert und gibt dem Urlauber Gelegenheit, in aller Ruhe über den Kurs der Reise nachzudenken: oben oder unten oder einmal rum? Zu erwägen bleibt nämlich, dass die bretonische Küste im Norden völlig anders ist als die im Süden. Ganz zu schweigen vom Westen, der dann eben zur Rundfahrt zwingt. Wer es besonders störrisch mag, der ist jedenfalls am “Ende der Welt”, im Finistère, am besten aufgehoben. Da draußen peitscht der Atlantik gegen eine ganze Armada von Leuchttürmen, die den Tankern und Sportseglern eine gute Reise wünschen. Wildheit, Einsamkeit, immerzu die Natur im Nacken – so sieht die Bretagne für jeden aus, der in die westlichsten Winkel vorstößt.

Das ist weit, weiter jedenfalls als der kleine Badeort im Süden, an dem einst der Kinostar Jacques Tati als Mr. Hulot seine komischen Ferien verbrachte. Er war der Städter auf Landpartie, hoffnungslos verstrickt in den Konflikt zwischen Paris und Provinz. Mittlerweile haben zumindest in diesem Teil der Bretagne die Gegensätze zu einem Arrangement gefunden, sind die Strände der Belle-Île oder der Halbinsel Quiberon fest dem gesamtfranzösischen Familienurlaub versprochen. Geschützte Strände mit Flachwasserzonen und breiten Sandsäumen bieten dafür den idealen Rahmen, in den sich Wellness-Zentren nur allzu logisch einfügen.

©iStockphoto.com/Hanne Melbye-Hansen Die goldene Mitte zwischen stürmisch und verträumt bildet die Nordküste, wo aberwitzige Felsformationen winzige Badebuchten einzwängen. Unangefochtene Paradenummer in dieser Bilderbuchlandschaft ist die Côte de Granit Rose, ein Meer aus grotesk verformten Granitblöcken. Die Menschen haben den Gebilden Namen verliehen und einen Wanderweg entlang der Steine verlegt, um die Kreationen der Natur wie künstlerische Exponate bestaunen zu können.

Des Menschen eigenes Werk nimmt sich daneben bescheiden aus und verfließt bereitwillig mit dem der Natur. Am meisten gilt dies für die Denkmäler von Carnac und andere steinzeitliche Wunder, die noch heute viele Rätsel bergen. Ihr größtes Mysterium, die Frage nach dem Faszinosum, kann nur jeder für sich entschlüsseln, um dabei sein Bild der Bretagne zu festigen.

Tipp: Kapitän in der Nussschale

Wasser ist das oberste Reisemotiv in der Bretagne und beherrscht auch den Aktivurlaub. Über Kanäle erschließt es sogar die schönsten Regionen im Hinterland. Ins frühe 19. Jahrhundert reicht die Geschichte von Canal de Nantes à Brest und Canal d’Ille et Rance zurück. Vom reinen Transportweg haben sie sich zu Wasserstraßen des Tourismus entwickelt. Ohne Führerschein dürfen dort Freizeitkapitäne mit kleinen Booten kreuzen. Wer Fahrräder an Bord hat, kann auch das Land rings um die Anlegestellen erkunden.

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